Vortragsangst

Vortragsangst

– oder: Warum erwachsene Menschen plötzlich wieder Grundschüler sind

Sie sind kompetent.
Sie wissen, wovon Sie sprechen.
Und dann stehen Sie vorne.
Alle schauen.
Und Ihr Körper denkt: „RENNEN.“

Willkommen bei der Vortragsangst.

Sie ist kein persönliches Drama, sondern ein Massenphänomen. Rund drei Viertel aller Menschen erleben deutliche Nervosität, wenn sie vor anderen sprechen sollen. Etwa jede fünfte Person vermeidet solche Situationen konsequent. Kurz gesagt: Wenn Sie Vortragsangst haben, sind Sie in bester Gesellschaft.

Vortragsangst ist kreativ

Vortragsangst ist erstaunlich kreativ. Der Körper fährt ein Best-of-Programm hoch: Herzklopfen wie nach drei Espressi, Hände mit Eigenleben, trockener Mund, Knie auf Puddingbasis. Der Kopf ergänzt Blackout, Gedankenschleifen und innere Katastrophenfilme. Emotional mischt sich Scham dazu und der starke Wunsch, unsichtbar zu werden. Psychologisch betrachtet glaubt Ihr Nervensystem, Sie seien in akuter Lebensgefahr – obwohl Sie lediglich einen Presenter halten.

Warum gerade Vorträge?

Weil hier drei Urängste gleichzeitig antreten:

  • Gesehen werden,
  • bewertet werden,
  • nicht fliehen können.

Das Gehirn denkt nicht differenziert. Es kennt nur sicher oder gefährlich. Und Bühne klingt für viele erstaunlich nach Säbelzahntiger.

Was dabei wenig hilft – aber hartnäckig empfohlen wird: „Reiß dich zusammen.“ „Die sehen eh nett aus.“ „Stell dir das Publikum nackt vor.“ Angst lässt sich nicht wegargumentieren.

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Der Weg heraus beginnt dort, wo viele überrascht sind.

  1. Sie müssen die Angst nicht abschaffen. Im Gegenteil. Je mehr Sie versuchen, angstfrei zu sein, desto stärker wird sie. Der entscheidende innere Satz lautet: Ich darf Angst haben – und trotzdem sprechen.
  2. Weg vom permanenten „Wie wirke ich?“ hin zu „Was dient?“. Vortragsangst ist hochgradig ich-bezogen. Souveränität entsteht, wenn der Fokus wechselt – vom Selbstcheck zur Resonanz.
  3. Erst der Körper, dann der Inhalt. Stand, Atmung, Tempo, Blick. Wer nervös ist und nur am Text feilt, poliert den Feueralarm. Der Körper beruhigt den Kopf. Nicht umgekehrt.

Ein Beispiel aus meiner Arbeit

Frau S., 47, Bereichsleiterin. Klar, klug, durchsetzungsfähig. Im Meeting brillant, auf der Bühne innerer Ausnahmezustand. Sie hatte alles probiert – Rhetoriktrainings, Atemübungen, perfekte Folien. Doch je besser die Vorbereitung, desto größer der Druck. Im Coaching sagte sie einen Satz, der alles erklärte: „Ich stehe da oben, als müsste ich mich entschuldigen, dass ich existiere.“

Damit war klar: Ihre Vortragsangst war keine Schwäche, sondern ein alter Schutzmechanismus. In der Vergangenheit hatte sie eine öffentliche Bloßstellung erlebt. Sie hatte gelernt: Bühne ist gefährlich. Der psychologische Fehler vieler Ansätze liegt genau hier – man versucht, die Angst zu beruhigen oder loszuwerden. Doch Angst reagiert nicht auf Vernunft.

Deshalb arbeiteten wir nicht an Inhalten, sondern an Haltung. Und dann wählten wir einen ungewohnten Weg: die paradoxe Intention nach Viktor Frankl. Das Prinzip: nicht bekämpfen, sondern einladen. Ich sagte zu Frau S.: „Wenn Sie Angst haben, dann bitte richtig. Nehmen Sie sich vor, die nervöseste Person des Abends zu sein. Zittern Sie was das Zeug hält. Lassen Sie das Herz hämmern wie ein Presslufthammer. Denken Sie: Heute zeige ich der Welt professionelle Nervosität. Wenn möglich so überzeugend, dass man Ihnen einen Beruhigungstee anbieten möchte.“

Frau S. war irritiert. Dann lachte sie. Bingo. Angst und Humor schließen einander aus. Angst lebt von Ernst, Kontrolle und innerem Kampf. Wird sie eingeladen und überzeichnet, verliert sie ihren Schrecken. Zur Vorbereitung malte wir für Frau S. bewusst absurde Szenen aus – wie sie innerlich es schafft, dass die Angst heute besonders „gut performt“.

Beim nächsten Vortrag war die Angst da. Aber ohne Macht. Frau S. stand, atmete, sprach. Nicht perfekt. Aber präsent. Danach schrieb sie mir: „Die Angst war noch im Raum. Aber sie saß nicht mehr auf meinem Stuhl.“

Genau darum geht es. Man muss die Angst nicht loswerden. Es reicht, ihr den Chefposten zu entziehen. Die Angst darf mitkommen. Aber sie bekommt keinen Mikrofonplatz mehr.

Ihre Monika Matschnig,
Diplom-Psychologin, Systemischer Coach und sinn- und wertorientierte Begleitung (DGL® Logotherapie)

P.S.: Wenn Sie zusätzlich ein konkretes Werkzeug suchen, lesen Sie meinen Artikel zum Thema Lampenfieber besiegen. Dort zeige ich Ihnen eine Atemtechnik, mit der Sie Ihr Nervensystem in wenigen Minuten beruhigen und Nervosität in Fokus verwandeln. Hier geht’s zum Artikel.

Monika Matschnig
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