
Warum Perfektion in Führung das falsche Ziel ist
Eine Teilnehmerin sitzt in der Pause meines Seminars vor ihrem Laptop und überarbeitet zum fünften Mal dieselbe Folie. Die Präsentation ist morgen. Die Folie ist längst gut. Ich frage sie: „Was fehlt noch?“ Sie schaut mich an und sagt: „Ich weiß es nicht. Aber es fühlt sich noch nicht richtig an.“
Willkommen im Perfektionismus. Dort, wo man irgendwann nicht mehr die Folie optimiert, sondern die eigene Nervosität verwaltet. Das Problem ist nämlich längst nicht mehr die Folie. Das Problem ist der Maßstab.
Der britische Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott prägte den Begriff der good enough mother. Kinder brauchen keine perfekte Mutter. Sie brauchen eine, die verlässlich da ist und trotzdem nicht jedes Bedürfnis sofort erfüllt. Eine Mutter, die auch einmal zu spät kommt, genervt ist oder schlicht nicht weiß, warum das Kind jetzt schon wieder schreit. Kurz gesagt: einen Menschen. Gerade dadurch lernt ein Kind etwas Entscheidendes: Die Welt geht nicht unter, wenn nicht alles nach Wunsch läuft. Frustration ist auszuhalten. Schwierigkeiten lassen sich bewältigen. Man kann hinfallen, ohne dass gleich das gesamte Leben ein Desaster ist.
Dieser Gedanke lässt sich wunderbar auf Führung übertragen. Eine Führungskraft, die immer alles weiß, alles kontrolliert und möglichst fehlerfrei durchs Unternehmen schwebt, erzeugt nicht automatisch Sicherheit. Sie erzeugt auch Druck. Wenn oben niemand Fehler macht, möchte unten verständlicherweise auch niemand der Erste sein.
Erfolgreiche Führung bedeutet deshalb nicht, unfehlbar zu sein. Sie bedeutet, verlässlich zu handeln, Verantwortung zu übernehmen und dabei sichtbar Mensch zu bleiben.
Perfektionismus und Qualität werden gerne verwechselt. Qualität fragt: Ist das Ergebnis gut und erfüllt es seinen Zweck? Perfektionismus fragt: Könnte irgendwo noch ein Fehler sein? Und zur Sicherheit schauen wir noch einmal. Und noch einmal. Und vielleicht verändern wir die Schriftgröße auf Folie 17 doch um einen halben Punkt. Man weiß ja nie.
Das Problem beginnt dort, wo die Suche nach dem letzten möglichen Fehler mehr Energie verschlingt, als sie Qualität erzeugt. Entscheidungen dauern länger, Mitarbeitende sichern sich zunehmend ab und Eigenverantwortung nimmt ab. Aus „Mach es gut“ wird irgendwann „Mach bloß nichts falsch“.
Gerade Menschen, die für Qualität verantwortlich sind, brauchen hohe Standards und gleichzeitig die Fähigkeit, einen Punkt zu setzen. Irgendwann muss jemand sagen können: „Das trägt. Freigabe.“ Sonst wird aus Qualitätssicherung Beschäftigungstherapie auf hohem Niveau.
Führungskräfte sollten sich natürlich selbst hinterfragen. Wer sich nie überprüft, ist nicht automatisch souverän. Wichtig ist die Art, wie wir innerlich mit uns sprechen. „Was lief heute nicht gut, und was nehme ich daraus mit?“ ist Reflexion. „Warum bekomme ich das nie richtig hin?“, „Typisch ich.“ ist Selbstverurteilung. Der Unterschied scheint klein, psychologisch ist er groß.
Hilfreich ist auch, Ergebnis und Person voneinander zu trennen. „Diese Präsentation war nicht gut“ ist etwas völlig anderes als „Ich bin nicht gut genug“. Das eine lässt sich bearbeiten. Das andere trifft den Selbstwert.
„Gut genug“ klingt in unserer Leistungskultur schnell nach zweiter Wahl. Oft reicht es, den Punkt zu erkennen, an dem zusätzliche Energie kaum noch zusätzliche Qualität erzeugt.
Führung braucht keine Menschen, die makellos erscheinen. Sie braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen, Fehler korrigieren und nicht bei jedem Kratzer an ihrem Selbstbild innerlich die Insolvenz anmelden.
Wirkung entsteht nicht durch Perfektion. Sie entsteht durch Verlässlichkeit, Präsenz und einen souveränen Umgang mit den eigenen Unzulänglichkeiten. Wer sich selbst zugestehen kann, nicht immer perfekt sein zu müssen, schafft auch für andere einen Raum, in dem ausprobiert, entschieden und gelernt werden darf.
Vielleicht sollten wir deshalb am Ende eines Arbeitstages häufiger sagen: Gut gemacht. Gut genug. Morgen geht’s weiter. Die Welt wird es verkraften. Und Folie 17 auch.
Monika Matschnig,
Diplom-Psychologin, Systemischer Coach und sinn- und wertorientierte Begleitung (DGL® Logotherapie)
Mehr über Wirkung, die von innen kommt, finden Sie unter www.matschnig.com.
Quellen:
D. W. Winnicott: Reifungsprozesse und fördernde Umwelt – Konzept der „good enough mother“
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