perfektionismus

Lass mal locker.

Wenn aus Anspruch Angst wird

Perfektionisten sind faszinierende Menschen. Sie können 30 Minuten über eine Schriftgröße diskutieren. Sie merken, wenn ein Bild um zwei Millimeter verrutscht ist. Und sie entschuldigen sich für Dinge, die anderen nie aufgefallen wären. Sie sagen Sätze wie: „War eh ganz okay.“, obwohl alle applaudiert haben. Es ist, als hätten sie einen inneren TÜV-Prüfer installiert. Und der findet immer etwas. Sie tragen immer das Gefühl in sich: Da wäre noch Luft nach oben gewesen.

Perfektionismus ist kein Leistungsmerkmal. Er ist ein internes Prüfungskomitee, das nie Feierabend macht.

Das Missverständnis mit der Exzellenz

Lange galt Perfektionismus als Tugend. Perfektionisten sind gewissenhaft, zielstrebig, verlässlich. In den 1980er-Jahren wurde er teilweise noch positiv bewertet.  Heute sieht man differenzierter hin. Denn es gibt einen Unterschied zwischen dem Wunsch, Dinge gut zu machen – und dem Zwang, niemals Fehler machen zu dürfen.

Thomas Curran und Andrew Hill analysierten über Jahrzehnte erhobene Daten und zeigten 2019, dass perfektionistische Tendenzen bei jungen Menschen deutlich zugenommen haben. Besonders der gefühlte Druck, Erwartungen anderer erfüllen zu müssen, ist gestiegen. (Curran & Hill, 2019).

Wir wissen es  – wir leben in einer Optimierungsgesellschaft. „Gut“ reicht nicht. Es muss außergewöhnlich sein. Am besten alternativlos. Das Problem: Wenn der Maßstab immer weiter wandert, kommt niemand mehr an.

Wenn aus Anspruch Angst wird

Perfektionismus hat drei Gesichter:

  • der Anspruch an sich selbst
  • der Druck, den man von außen wahrnimmt
  • und die Erwartung, andere dürften keine Fehler machen

Das Gefährliche ist nicht der Anspruch. Das Gefährliche ist die Angst dahinter. Angst vor Bewertung. Angst vor Ablehnung. Angst, nicht zu genügen.

In der Praxis klingt das so:

  • „Ich hätte es noch besser vorbereiten müssen.“
  • „Das war nicht hundertprozentig.“
  • „Nächstes Mal darf mir das nicht passieren.“

Der innere Dialog ist selten freundlich. Und genau hier kippt die Energie. Aus Motivation wird Daueranspannung. Aus Ehrgeiz wird Erschöpfung.

Insbesondere der „sozial vorgeschriebener Perfektionismus“  – also der empfundene Erwartungsdruck von außen – hängt mit Stress, Depressionen und Angststörungen zusammenhängt.  Eigentlich logisch: Wer ständig auf Alarm läuft, brennt schneller aus.

Hier lohnt sich ein ehrlicher Blick. Wenn Sie merken, dass Sie trotz Erfolg nie zufrieden sind. Wenn Lob Sie nicht erreicht. Wenn der innere Druck größer ist als die Freude am Ergebnis. Dann ist es kein Zeichen von Schwäche, sich professionelle Unterstützung zu holen. Im Gegenteil. Es ist ein Zeichen von Verantwortung. Coaching oder therapeutische Begleitung helfen, das inneren Prüfungskomitee zu verstehen, alte Bewertungsmuster zu entlarven und neue, gesündere Maßstäbe zu entwickeln.

Manchmal braucht es jemanden von außen, um das interne Prüfungskomitee endlich in Rente zu schicken.

Führungskräfte tragen viel – und zeigen es selten.

Mit RE:FOKUS gewinnen sie Klarheit, Souveränität und innere Balance zurück.

→ Psychologisches Coaching für Führungskräfte

Sie dürfen hohe Ziele haben. Nur dürfen diese Ziele nicht darüber entscheiden, wie viel Sie sich selbst wert sind. Hohe Standards sind gesund. Selbstabwertung nicht.

Eine einfache Übung aus der Coachingpraxis:

Geben Sie bewusst etwas mit 90 oder 95 Prozent ab. Beobachten Sie, was passiert. In 95 Prozent der Fälle: nichts Dramatisches. Kein Karriereende. Kein Gesichtsverlust. Keine öffentliche Hinrichtung im Plenarsaal. Was jedoch passiert: Sie gewinnen Energie zurück.

Denken sie daran:

  1. Perfektion ist kein Charaktermerkmal.
    Sie ist eine Strategie. Und Strategien darf man ändern.
  2. Fehler sind keine Identitätsbedrohung.
    Sie sind Rückmeldungen. Mehr nicht.
  3. Lockerlassen ist kein Qualitätsverlust.
    Es ist Selbstführung.

Vielleicht ist der mutigste Satz dieser Woche:

„Es darf gut genug sein.“

Monika Matschnig,
Diplom-Psychologin, Systemischer Coach und sinn- und wertorientierte Begleitung (DGL® Logotherapie)

Curran, T., & Hill, A. P. (2019). Perfectionism is increasing over time: A meta-analysis of birth cohort differences from 1989 to 2016. Psychological Bulletin, 145(4), 410–429. https://doi.org/10.1037/bul0000138

Monika Matschnig
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