
Stress, Körpersprache und die Macht alter Muster
Ich nenne ihn hier Herrn K. Geschäftsführer eines mittelständischen Industrieunternehmens, über 300 Mitarbeitende, seit Jahren im Amt, von seinem Team als „eigentlich total besonnen“ beschrieben. Das Wort „eigentlich“ sollte misstrauisch machen. Es taucht immer dann auf, wenn jemand zwei Versionen von sich selbst hat – und die zweite nur unter bestimmten Bedingungen die Bühne betritt.
Als Herr K. zu mir kam, hatte diese zweite Version bereits drei Soloauftritte hingelegt:
Auftritt eins, die Quartals-Review: Eine Bereichsleiterin präsentiert enttäuschende Zahlen. Kaum ist der zweite Satz gefallen, unterbricht Herr K. sie – laut, scharf, hochrot. Vorwurf der Inkompetenz, vor versammeltem Führungskreis. Die Bereichsleiterin verstummt. Der Raum hält die Luft an, so wie man es tut, wenn beim Klavierkonzert mitten in der Ballade ein Handy klingelt.
Auftritt zwei, sechs Wochen später: Verhandlung mit einem Lieferanten, der eine Preiserhöhung durchsetzen will. Herr K. bleibt sachlich – bis der Lieferant im Spaß erwähnt, man könne „ja auch zu einem verlässlicheren Partner wechseln“. Herr K. schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch, so fest, dass der Kaffee schwappt, und verkündet, man werde „diesen Vertrag sowieso kündigen“. Ein Vertrag, an dem sein Einkaufsteam monatelang gearbeitet hatte.
Auftritt drei, ein Teammeeting: Ein junger Projektleiter stellt eine kritische Rückfrage zu Herrn K.s Strategie. Diesmal keine Lautstärke – dafür ein zehnminütiger Monolog darüber, wie viele Krisen Herr K. „schon durchgestanden“ habe, bevor der Projektleiter überhaupt geboren war. Der Projektleiter stellt seitdem keine Rückfragen mehr. Niemand tut das mehr.
Drei völlig unterschiedliche Bühnen. Ein und derselbe Darsteller, der immer dann auftritt, wenn Herr K. sich in die Ecke gedrängt fühlt. Sein Team hatte dafür längst einen inoffiziellen Namen: „Modus Vulkan“. Man sah Mitarbeitende danach nur noch mit Abstand und gesenktem Blick an ihm vorbeilaufen. Als ich ihm seinen Zweitnamen in der zweiten Sitzung vorsichtig mitteilte, lachte er zum ersten Mal – und sagte dann: „Das trifft es genau. Erst brodelt es, dann kommt keiner mehr an mich ran.“
Was an diesen drei Szenen bemerkenswert ist: Es handelt sich nicht um drei Fehltritte, sondern um dieselbe Inszenierung mit wechselndem Bühnenbild. Ein einmaliger Ausrutscher ist ein schlechter Tag. Ein wiederkehrendes Muster hat einen Regisseur – nur eben nicht den, den Herr K. bewusst engagiert hätte. Das Problem: Mitarbeitende warten nur noch darauf, dass es wieder passiert, und vermeiden jeden Fehltritt – am liebsten durch Schweigen.
Neurobiologisch lässt sich das gut nachzeichnen. Eine vielzitierte Übersichtsarbeit von Lupien und Kollegen (2009) zeigt: Chronisch erhöhte Cortisolspiegel können zu strukturellen und funktionellen Veränderungen in Hippocampus, Amygdala und präfrontalem Kortex führen – mit einer Zunahme der emotionalen Reaktivität und einer Beeinträchtigung der kognitiven Kontrolle.
Vereinfacht: Der Teil im Kopf, der normalerweise Regie führt – abwägt, einordnet, „warte, lass uns das erst mal in Ruhe betrachten“ sagt – wird unter Dauerbelastung leiser gestellt. Ein älterer Teil übernimmt das Mikrofon. Der kennt keine Nuancen, nur zwei Regieanweisungen: Angriff oder Flucht. Bei Herrn K. war vor Auftritt eins zusätzlich ein Großkunde abgesprungen, es gab Personalengpässe, er schlief schlecht. Sein System stand also längst auf Zündstufe. Es brauchte nur noch das Streichholz.
Die eigentlich interessante Frage kam erst in der dritten Sitzung: Warum reagiert Herr K. mit Vulkan – und nicht, wie andere unter Druck, mit Schweigen, Rückzug oder betretenem Lächeln?
In der Arbeit an seiner Geschichte wurde sichtbar: Herr K. ist als ältester von vier Geschwistern in einem Familienbetrieb groß geworden, in dem Fehler mit Härte quittiert wurden. Ein Satz seines Vaters begleitete ihn: „Wer schwach ist, verliert.“ Für den Jungen war die Schlussfolgerung logisch: Kontrolle verlieren ist gefährlich, also übernimm lieber selbst die Kontrolle – notfalls mit Lautstärke, bevor jemand anderes sie dir nimmt.
Man kann sich dieses Muster wie einen alten Wachhund vorstellen, der als Welpe darauf trainiert wurde, bei jedem Geräusch am Zaun sofort anzuschlagen, weil das Grundstück einmal ungesichert und die Gefahr real war. Der Hund ist heute alt, das Grundstück längst umzäunt und ruhig – trotzdem schlägt er noch immer bei jedem Rascheln an, egal ob Einbrecher oder Postbote. Er unterscheidet nicht mehr, er reagiert nur noch. Für den Welpen war das Verhalten überlebensnotwendig. Für den Geschäftsführer, der heute über 300 Existenzen mitverantwortet, ist es ein Risiko.
Der naheliegendste Rat – „Reißen Sie sich zusammen“ – hilft fast nie, aus gutem Grund: Er behandelt das Symptom auf der falschen Bühne. Man kann einem Wachhund nicht per Beschluss verbieten anzuschlagen. Man kann ihm höchstens beibringen, den Postboten vom Einbrecher zu unterscheiden.
Genau darauf zielte unsere Arbeit – in drei Bewegungen, die sich gegenseitig brauchen.
Vierter Akt: die Wiederholung, die keine wurde
Ein halbes Jahr später berichtete mir Herr K. von ähnlichen Ausgangslagen: Verlust eines Großkunden, Fehler eines Projektleiters, Stresssituationen und, immer das vertraute Ziehen im Nacken. Er lernte es früh genug zu bemerken. Ausgeatmet, Schultern gesenkt, die eingeübte Frage gestellt statt des Vorwurfs. „Es hat sich angefühlt, als würde ich eine fremde Sprache sprechen“, sagte er. „Aber das Publikum hat applaudiert. Bildlich gesprochen.“ Mittlerweile munkelte sein Team augenzwinkernd „Modus Vulkan – stillgelegt“.
Genau das ist der Kern von Wirkung unter Druck: Sie entsteht nicht dadurch, dass jemand aufhört, Stress zu empfinden – das gelingt in Führungspositionen ohnehin selten. Sie entsteht dadurch, dass man dem eigenen Programm zuvorkommt, bevor es einen selbst überrascht. Und wir arbeiten nun an dem Balancieren von Anspannung und Entspannung.
Fragen Sie sich, wenn in Drucksituationen immer wieder derselbe Darsteller auf Ihre Bühne tritt:
Was bei Herrn K. sichtbar wurde, begegnet mir in unterschiedlichen Kostümierungen bei sehr vielen Führungskräften. Die Rollen unterscheiden sich – Vulkan, Rückzieher, Dauererklärer, Everybody’s-Darling. Der Mechanismus dahinter ist erstaunlich ähnlich: ein altes Schutzprogramm, das unter echtem Druck lauter spricht als die heutige, erwachsene Stimme.
Genau hier setzt meine Arbeit an – als Psychologin, die auf das Wirkungsverhalten schaut, als Trainerin, die die passende Methodik findet, und als Therapeutin, die den ganzen Menschen hinter der Rolle im Blick behält. Denn Wirkung von außen hält nur so lange, wie sie nicht heimlich von innen sabotiert wird.
Monika Matschnig,
Diplom-Psychologin, Systemischer Coach und sinn- und wertorientierte Begleitung (DGL® Logotherapie)
Mehr über Wirkung, die von innen kommt, finden Sie unter www.matschnig.com.
Quelle: Lupien, S. J. et al. (2009): Effects of stress throughout the lifespan on the brain, behaviour and cognition. Nature Reviews Neuroscience.