
Warum wir höflich zu allen sind – und verbunden mit niemandem
Es ist der dritte Tag meiner Vortragstour. Flughafen, dann Zug, dann S-Bahn. Um mich herum: Menschen, die auf ihr Handy starren. Durchgehend. Am Gate, im Abteil, auf der Rolltreppe. Niemand schaut hoch, niemand nickt, niemand sagt „Entschuldigung“ beim Vorbeigehen – man weicht aus, ohne hinzusehen. Ich zähle in der S-Bahn zwölf Menschen. Elf davon: Kopf unten, Daumen in Bewegung. Die zwölfte bin für einen Moment ich, bevor ich das Handy bewusst weglege und merke, wie ungewohnt sich das anfühlt.
Was mir auffällt: Es ist nicht mal Unfreundlichkeit, was da passiert. Es ist Abwesenheit. Und genau das ist der Unterschied, um den es hier geht.
Wir haben uns so sehr an dieses viereckige Teil in unserer Tasche gewöhnt, dass wir längst selbst wie Autopiloten reagieren. Eine kurze Pause, eine Sekunde Stille, ein Moment ohne Beschäftigung – und sofort die Frage: Wo ist das Handy? Raus damit, drauf starren.
Die Alternative ist nicht, das Handy nie wieder anzufassen. Sondern: dem Autopiloten die Macht zu entziehen und ab und an bewusst das Gesetz der Freundlichkeit zu nutzen.
Freundlichkeit ist eine bewusste Entscheidung. Sie verlangt, dass jemand sich auf das Gegenüber fokussiert – einen kurzen Moment: Wie geht es dem anderen wirklich? Was braucht dieser Moment? Das ist anstrengender. Und es ist der einzige Modus, in dem tatsächlich Verbindung entsteht.
Ich kenne den Autopiloten gut. Auf Tour, zwischen Terminen und Reisen, ist er verlockend: dann werde auch ich schnell zur Kopf-unten-Passagierin – höflich zu allen, verbunden mit niemandem.
Vielleicht kennen Sie das auch aus dem eigenen Alltag: das automatische Lächeln im Meeting, das reflexartige „Passt schon“ im Flurgespräch, obwohl es nicht passt. Autopilot-Freundlichkeit fühlt sich sicher an – niemand fühlt sich angegriffen, kein Konflikt, keine Reibung. Der Preis dafür zeigt sich später: Wer ständig nett ist, aber nie klar, sammelt Dinge, die nie ausgesprochen wurden. Und was nie ausgesprochen wird, verschwindet nicht – es wartet, wird größer und dringender. Tja, bis es eventuell explodiert…
Freundlichkeit – die echte, nicht die reflexartige – hat einen messbaren Effekt auf Körper und Psyche. Forschung legt nahe, dass Freundlichkeit Glücksgefühl und soziale Verbundenheit steigert, Angst reduziert und den Blutdruck senkt. Der Zusammenhang zeigt sich auch körperlich, über niedrigeren Blutdruck und niedrigere Cortisolwerte, das Stresshormon. Eine aktuelle Metaanalyse der Universität Mannheim bestätigt: Menschen, die mit anderen mitfühlen, sie unterstützen oder ihnen helfen wollen, berichten von höherer Lebenszufriedenheit, mehr Freude und mehr Sinn im Leben.
Der Punkt dabei: Diese Effekte entstehen nicht durchs Lächeln. Sie entstehen durch echten Kontakt. Autopilot-Freundlichkeit erzeugt diesen Effekt nicht – weder beim Gegenüber noch bei Ihnen selbst.
Man merkt sofort, ob einem jemand im Autopilot begegnet oder anwesend ist. Im nächsten Meeting, im nächsten Videocall, im nächsten Flurgespräch: Hören Sie tatsächlich hin und nicken Sie nicht reflexhaft. Der Unterschied ist klein im Moment und groß in der Wirkung.
Monika Matschnig,
Diplom-Psychologin, Systemischer Coach und sinn- und wertorientierte Begleitung (DGL® Logotherapie)
Quellen