Perfektionismus

Warum Perfektionismus mehr kostet, als er bringt.

Man nennt es Anspruch. Das Leben nennt es Dauerstress.

Sie sitzt am Küchentisch. Der Kaffee ist kalt. Wirklich kalt. Der Laptop offen. Das Dokument fast fertig. Fast. Ein Absatz noch. Ein Satz. Vielleicht ein anderes Wort. Oder doch das vorige, nur minimal anders. Sie liest den Text zum vierten Mal. Dann zum fünften. Eigentlich ist alles gesagt. Eigentlich ist es gut. Und doch bleibt das Dokument offen.

Etwas in ihr flüstert: „Da geht noch mehr.

Der leise innere Antreiber mit Stil

Kein lauter Antreiber. Kein innerer Drill Sergeant. Eher eine Stimme mit Stil. Anspruchsvoll. Seriös. Eine, die klingt, als hätte sie immer recht. Und genau deshalb bleibt sie sitzen. Vielleicht kennen Sie so einen Sergeant auch?

Dieses Gefühl, dass nichts je ganz rund wird. Dass Zufriedenheit immer einen kleinen Vorsprung hat. Ein Lob kommt an – wird gehört, freundlich registriert, innerlich abgenickt – und kaum ist es da, meldet sich schon die Gegenstimme: „Ja, nett. Aber da wäre noch mehr gegangen.“ Sie leisten viel, geben viel, tragen viel. Und trotzdem bleibt dieses leise innere „Ja. Gut gemacht. Fertig.“ erstaunlich rar.

Perfektionismus als Schutzprogramm

Perfektionismus ist kein Drama. Er schmeißt keine Türen. Er erhebt nicht die Stimme. Er kommt geschniegelt, mit Haltung, mit hohen Maßstäben und mit einem verführerischen Versprechen: „Wenn es perfekt ist, dann darfst du zufrieden sein.“ Das Problem ist: Dieser Moment wird zuverlässig verschoben. Wie ein Sonderangebot, das morgen bestimmt noch besser ist.

Was dabei oft übersehen wird: Perfektionismus ist selten bloßer Ehrgeiz. Er ist eher ein inneres Schutzprogramm. Eines, das irgendwann gelernt wurde. Viele haben früh erfahren: Ich werde gesehen, wenn ich leiste. Ich bin richtig, wenn ich es gut mache. Fehler sind besser zu vermeiden. So entsteht ein innerer Maßstab, der Sicherheit verspricht. Wer alles richtig macht, macht sich weniger angreifbar. Wer perfekt ist, wird nicht kritisiert. Zumindest in der Theorie.

In Wahrheit geht es beim Perfektionismus weniger um Qualität als um etwas sehr Menschliches: Zugehörigkeit, Anerkennung, Kontrolle. Um das tiefe Bedürfnis, nicht zu enttäuschen. Nicht zu verlieren. Nicht falsch zu sein. Der Haken daran: Dieses Schutzprogramm kennt kein Genug. Es arbeitet zuverlässig, rund um die Uhr, und schraubt die Maßstäbe stetig nach oben – vorzugsweise dann, wenn man eigentlich schlafen sollte.

Wenn Stärke langsam kippt

Anfangs fühlt sich Perfektionismus gut an. Wie Stärke. Wie Verlässlichkeit. Wie Professionalität. Menschen verlassen sich auf Sie. Die Ergebnisse stimmen. Sie sind jemand, auf den man zählen kann. Doch irgendwann kippt es. Die Latte wird stetig höher, das Lächeln wird knapper. Fehler fühlen sich größer an, als sie sind. Erfolge werden zur Selbstverständlichkeit. Und die schönen Momente? Die stehen unter Beobachtung. Als müssten sie erst bestehen, bevor man sie genießen darf. Fragen poppen unerwünscht auf: „War das wirklich gut genug? Hätte ich es nicht noch besser machen können?

So wird man selbst zum strengsten Kontrolleur. Mit erstaunlich wenig Pausen. Und ohne Feierabend.

Der Preis zeigt sich leise. Genuss wird seltener. Leichtigkeit auch. Stolz sowieso. Perfektionismus wirkt wie ein innerer Filter: Das Perfekte darf passieren. Das Gute leider oft nicht. Viele merken das erst spät – wenn sie viel erreicht haben und sich trotzdem nicht erfüllt fühlen. Wenn sie erfolgreich sind, aber müde. Wenn sie funktionieren und die Freude irgendwo zwischen Anspruch und Anstrengung liegen geblieben ist. Vielleicht nicken Sie beim Lesen. Nicht, weil es dramatisch klingt. Sondern weil es vertraut ist.

Führungskräfte tragen viel – und zeigen es selten.

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Kleine Verschiebungen statt radikaler Kehrtwende

Was hilft, ist keine radikale Kehrtwende. Eher kleine Verschiebungen:

  • Ersetzen Sie „perfekt“ durch „stimmig“.
    Stimmig heißt nicht fehlerfrei. Stimmig heißt: Es passt – zu mir, zu diesem Moment, zu meiner heutigen Energie. Und erstaunlicherweise trägt das oft weiter als jedes makellose Ergebnis.
  • Beenden Sie Dinge bewusst.
    Nicht, weil sie nicht noch besser werden könnten. Sondern weil Sie entscheiden: Jetzt ist es gut. Ein innerer Punkt wirkt oft heilsamer als der nächste Feinschliff.
  • Erlauben Sie sich Zufriedenheit vor dem Ergebnis.
    Warten Sie nicht auf den perfekten Abschluss, um sich gut zu fühlen. Gönnen Sie sich Zufriedenheit zwischendurch. Sonst verschieben Sie das gute Gefühl immer weiter nach hinten – und irgendwann kommt es gar nicht mehr.

Zum Schluss lohnt ein versöhnlicher Blick. Perfektionismus ist keine Schwäche. Er zeigt, dass Ihnen Qualität wichtig ist. Dass Sie Verantwortung übernehmen. Dass Sie Dinge nicht halbherzig tun. In vielen Situationen ist genau das Ihre Stärke. Doch Perfektionismus darf ein Werkzeug bleiben – kein Maßstab für Ihren Wert.

Denn das Leben findet nicht im Perfekten statt. Es findet im Gelebten statt.

Vielleicht ist heute ein guter Moment, den Kaffee nicht noch einmal aufzuwärmen. Sondern ihn kalt zu trinken. Und zu denken: Es reicht. Und: Ich auch.

Ihre Monika Matschnig,
Diplom-Psychologin, Systemischer Coach und sinn- und wertorientierte Begleitung (DGL® Logotherapie)

Monika Matschnig
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