
Warum es Zeit wird, dass Frauen sich die Bühne erobern
Letzte Woche saß ich wieder in einem meiner Seminare. Acht Teilnehmende. Fünf Männer. Drei Frauen. Die Aufgabe: eine kurze Präsentation vor der Gruppe. Kaum ausgesprochen, waren die Männer innerlich schon auf dem Weg zur Bühne. Einer rückte den Stuhl zurück, der nächste richtete sich auf. Die Botschaft: Wann darf ich?
Die Frauen? Blick nach unten. Noch schnell etwas aufschreiben. Vielleicht wird man ja unsichtbar, wenn man sehr konzentriert auf einen Kugelschreiber schaut. Männer, weiter so! Liebe Frauen: Da können wir uns etwas abschauen.
Fachlich waren sie keinen Millimeter schlechter. Zwei kannte ich aus früheren Coachings. Als sie an der Reihe waren, standen sie auf – und drehten den Raum. Klare Stimme. Bewusste Pausen. Kontrollierte Ortsveränderungen. Kongruente Gestik. Auf den Punkt. Logisch, bildhaft, souverän.
Kein plötzlich entdecktes Rampensau-Gen. Das ist Handwerk.
Aggredere bedeutet: herangehen, sich nähern, etwas in Angriff nehmen. Aus derselben Wortfamilie stammt „Aggression“. Heute klingt das nach Ellenbogen und gepflegtem Niederwalzen. Dabei steckt im Kern etwas anderes: Bewegung nach vorne. Nicht gegen jemanden. Auf etwas zu.
Genau diese Bewegung fehlt vielen Frauen im entscheidenden Moment. Die Kompetenz ist da. Doch dann müsste man aufstehen, das Wort ergreifen, widersprechen, sichtbar werden – und der Kopf eröffnet spontan eine interne Vorstandssitzung: Bin ich wirklich gut genug? Vielleicht weiß jemand anderes mehr? Will ich mich so in den Vordergrund stellen?
Währenddessen hat sich der Kollege bereits gemeldet. Nicht zwingend, weil er mehr weiß. Er war nur schneller auf den Beinen.
Auch souveräne Menschen kennen Herzklopfen, trockenen Mund und den kurzen Wunsch, unmittelbar vor dem Auftritt beruflich noch einmal ganz neu anzufangen. Entscheidend ist, wie wir Unsicherheit interpretieren. Der eine denkt: Ich bin nervös. Egal. Los. Die andere: Ich bin nervös. Offenbar bin ich noch nicht bereit. Die Forschung zur „Illusion der Transparenz“ zeigt dabei etwas Beruhigendes: Wir glauben, unser Innenleben sei für andere viel sichtbarer, als es tatsächlich ist.
Das Publikum sieht den Katastrophenfilm in unserem Kopf nicht. Vielleicht brauchen wir nicht mehr Mut. Sondern mehr Wut. Wut hat besonders bei Frauen eine miserable PR-Abteilung. Sei freundlich. Bleib höflich. Reg dich nicht auf. Lächle. Am besten noch, während jemand anderes gerade die eigene Idee als seine verkauft.
Dabei kann Wut eine enorme Vorwärtsenergie entwickeln. Der Psychologe Eddie Harmon-Jones zeigte einen Zusammenhang zwischen Wut, linksfrontaler Hirnaktivität und Annäherungsmotivation. Vereinfacht gesagt: Angst sagt: Zurück. Wut sagt: Vorwärts.
Natürlich geht es nicht darum, wütend auf die Bühne zu marschieren und drei Kollegen verbal aus dem Weg zu räumen. Es geht um die Energie dahinter. Die Wut darüber, dass man sich selbst wieder kleiner macht. Dass man sagt: „Ich bin mir nicht ganz sicher, aber …“, obwohl man sich sehr sicher ist. Dass man eine Idee fünfmal prüft, während andere ihre halbfertige längst präsentieren. Diese Wut kann Treibstoff sein. Nicht für den Angriff auf andere. Sondern auf die eigene Zurückhaltung. Das ist Aggredere.
Die beiden Frauen hatten keinen spontanen Geistesblitz. Sie hatten trainiert. Körpersprache, Stimme, Struktur und Präsenz. Und plötzlich sah es leicht aus. Das ist das Schöne an gutem Handwerk: Irgendwann sieht niemand mehr die Arbeit dahinter. Aggredere bedeutet nicht, lauter oder männlicher aufzutreten. Und schon gar nicht, andere kleiner zu machen, damit man selbst größer erscheint. Es bedeutet: Herangehen. Aufstehen. Sichtbar werden.
Liebe Frauen, wir müssen nicht darauf warten, dass uns jemand die Bühne überlässt. Wir dürfen sie betreten. Nicht gegen die anderen. Sondern für die eigene Sache. Oder eben, auf gut Latein: Aggredere.
Ihre Monika Matschnig,
Expertin für Körpersprache, Wirkung und Performance
Quellen:
Harmon-Jones, E. & Allen, J. J. B. (1998): Anger and prefrontal brain activity: EEG asymmetry consistent with approach motivation despite negative affective valence. Journal of Personality and Social Psychology, 74, 1310–1316.
Savitsky, K. & Gilovich, T.: Forschung zur „Illusion der Transparenz“ und zur Wahrnehmung eigener Nervosität bei öffentlichen Auftritten.
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