unter Druck wachsen

Warum manche unter Druck wachsen – und andere zerbrechen

Lektionen aus der Fußball-WM für Führungskräfte

Die Weltmeisterschaft hat begonnen.
Millionen Menschen sitzen vor den Bildschirmen, fiebern mit, diskutieren Trainerentscheidungen und analysieren jeden Fehlpass. Die Stadien sind voll, die Emotionen groß. Und während die meisten auf Tore, Tabellen und Taktik schauen, interessiert mich etwas anderes:

Die Menschen.

Mich interessiert, warum ein Spieler vor 80.000 Zuschauern plötzlich über sich hinauswächst, während ein anderer wirkt, als hätte ihm jemand den Stecker gezogen. Warum manche Mannschaften nach einem Rückstand auseinanderfallen – und andere genau dann ihre beste Leistung abrufen.

Genau an diesem Punkt treffen sich Spitzensport und Führung.

In meinen Coachings begegnen mir regelmäßig Führungskräfte, die glauben, ihre größte Herausforderung sei die nächste Präsentation, die Rede vor dem Vorstand oder das kritische Mitarbeitergespräch. Tatsächlich beginnt die eigentliche Herausforderung viel früher: in dem Moment, in dem Druck entsteht. Wer bleibt ruhig, wenn das Stadion tobt? Wer trifft die richtige Entscheidung, wenn alle hinschauen? Wer nutzt den Misserfolg als Antrieb statt als Ausrede?

Spitzensportler wissen: Wenn etwas wichtig wird, meldet sich der Körper. Das Herz schlägt schneller. Die Gedanken kreisen. Die Aufmerksamkeit steigt. Die Emotionen werden lauter.
Die meisten Menschen versuchen dann, diese Spannung loszuwerden. Doch Anspannung verhält sich wie ein Fußball, den man unter Wasser drückt. Je stärker man drückt, desto heftiger schießt er irgendwann zurück.

Die Besten machen deshalb etwas anderes. Sie bekämpfen die Spannung nicht. Sie lernen, mit ihr zu spielen. Wahrnehmen. Annehmen. Umlenken.

Druck ist nicht der Gegner. Druck ist Energie. Erfolgreiche Menschen versuchen nicht, Anspannung zu vermeiden. Sie lernen, sie in Leistung umzuwandeln.

Wirkung braucht Energie. Und genau diese Energie liefert oft die Anspannung. Der Trainer der Demokratischen Republik Kongo, Sébastien Desabre, brachte den Erfolg seiner Mannschaft auf eine einfache Formel: mentale Stärke und taktische Disziplin. Das eine funktioniert ohne das andere nicht.

Unter Druck gewinnen selten die Lautesten. Häufig gewinnen diejenigen, die ihre Gedanken ordnen können, während um sie herum bereits Hektik entsteht. Gelassenheit ist deshalb keine Persönlichkeitseigenschaft. Sie ist eine trainierbare Fähigkeit.

Und sie wird in der Führung immer wichtiger. Die Welt ist volatil geworden. Menschen orientieren sich nicht an der lautesten Stimme im Raum. Sie orientieren sich an der Person, die auch im Sturm noch Kurs hält.

Ähnlich formulierte es Englands Trainer Thomas Tuchel nach dem Auftaktsieg seiner Mannschaft. Er sprach davon, der Welt zu zeigen, wer man ist und wer man sein kann.
Genau.

Menschen brauchen nicht ständig neue Anweisungen. Oft brauchen sie jemanden, der sie an ihre Möglichkeiten erinnert. Jemanden, der den Blick von der Angst auf die Chance lenkt. Das unterscheidet Management von Führung. Manager lösen Probleme. Führungskräfte entwickeln Potenziale.

Menschen folgen nicht der lautesten Führungskraft. Sie folgen der Person, die auch dann Orientierung gibt, wenn Unsicherheit entsteht.

Faszinierend ist auch der Umgang mit Fehlern. Ein Stürmer verschießt einen Elfmeter. Das Stadion stöhnt. Die sozialen Medien explodieren. Millionen Menschen haben den Fehler gesehen. Und wenige Sekunden später muss derselbe Spieler wieder bereit sein.

Viele Führungskräfte machen das Gegenteil. Sie tragen Fehler wochenlang mit sich herum. Der innere Videobeweis läuft in Dauerschleife. Immer dieselbe Szene. Immer dieselbe Frage: „Warum habe ich das gesagt?“ Doch Grübeln verändert die Vergangenheit nicht. Es bindet lediglich Energie in der Gegenwart. Spitzensportler lernen deshalb etwas Entscheidendes: Fehler analysieren. Lernen. Weitergehen. Das macht stark.

Fehler kosten manchmal Punkte.
Das Festhalten an Fehlern kostet oft das ganze Spiel.

Die Zuschauer sehen nur die Inszenierung. Die Hymnen. Die Stadien. Die Pokale. Die großen Momente. Was sie nicht sehen, sind die Jahre davor. Die Zweifel. Die Routinen. Die Rückschläge. Die Gespräche mit Trainern, Psychologen und Mentoren. Die tägliche Arbeit an der eigenen Haltung. Genau dort entsteht Wirkung.

Im Business suchen viele nach der perfekten Formulierung oder der perfekten Körpersprache. Doch stabile Wirkung beginnt nicht im Außen. Sie beginnt innen. Die Körpersprache folgt der inneren Haltung. Die Stimme folgt der Überzeugung. Die Präsenz folgt der Klarheit. Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieser Weltmeisterschaft.

Die größten Unterschiede entstehen nicht durch Talent allein. Nicht durch Technik. Nicht durch Taktik. Sie entstehen durch die Fähigkeit, handlungsfähig zu bleiben, wenn der Druck steigt.

Denn die entscheidenden Spiele werden selten im Stadion gewonnen. Sie werden lange vorher entschieden. Auf den Trainingsplätzen und im Kopf. In den Routinen des Alltags. In den Gesprächen mit sich selbst und anderen. Und in der Haltung, mit der wir unser persönliches Spielfeld betreten. Die Zuschauer sehen am Ende nur das Ergebnis.
Doch das Spiel beginnt lange vor dem Anpfiff.

Monika Matschnig,
Diplom-Psychologin, Systemischer Coach und sinn- und wertorientierte Begleitung (DGL® Logotherapie)

Monika Matschnig
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