innere Blockade unsichtbare Bremse

Unsichtbare Bremse

Der eigentliche Gegner sitzt Ihnen nicht gegenüber. Er spricht aus Ihrer Erinnerung.

Es ist kurz vor neun Uhr. Der Konferenzraum füllt sich langsam. Auf dem Tisch stehen Wasserflaschen, Laptops und dicke Unterlagen. Draußen scheint die Sonne, drinnen liegt diese eigentümliche Spannung in der Luft, die nur wichtige Termine erzeugen.

Anna ist vorbereitet. Wochenlang hat sie mit ihrem Team an der Präsentation gearbeitet. Jede Zahl stimmt. Jeder Übergang sitzt. Gestern Abend hat sie den Vortrag im Hotelzimmer ein letztes Mal laut geübt. Jetzt beginnt die Sitzung. Die ersten Minuten laufen gut. Sie wirkt ruhig, konzentriert und souverän.

Bis ein Vorstandsmitglied innehält, die Brille absetzt und fragt: „Wie belastbar ist diese Annahme?“ Eine sachliche Frage. Mehr nicht.

Doch in diesem Augenblick verändert sich alles.

Ihr Mund wird trocken. Die Schultern verspannen sich. Ihr Atem stockt. Sie beginnt schneller zu sprechen. Aus einer klaren Antwort wird eine fünfminütige Rechtfertigung. Sie verheddert sich, verliert sich in Details, entschuldigt sich für Dinge, die niemand kritisiert hat, und merkt, wie ihr ihre Präsenz entgleitet. Innerlich schrumpft Anna mit jeder Sekunde.

Als die Tür hinter ihr zufällt, ärgert sie sich über sich selbst. Und sie schämt sich. „Warum passiert mir das immer wieder?“
Anna kennt jede Präsentationstechnik. Sie hat Bücher über Körpersprache gelesen, Rhetorikseminare besucht, ihre Stimme trainiert und sich in Videoanalysen selbst beobachtet.

Sie weiß genau, was sie tun sollte. Und trotzdem gelingt es ihr nicht.

Da muss ein weiteres Coaching her. Doch diesmal arbeite ich mit Anna anders als gewohnt. Sie bekommt von mir keine Techniken und Methoden mehr. Keine Erklärungen. Wir schauen mal nach innen. Im Laufe des Coachings taucht plötzlich ein Bild auf, das jahrzehntelang verschüttet war.

Anna war 29. Sie übernimmt gerade ihre erste Führungsaufgabe und präsentiert voller Engagement eine Idee. Der damalige Vorgesetzte lehnt sich zurück, schaut sie lange an, grinst sarkastisch und sagt vor dem gesamten Team

„Frau Sch., ist das Ihr Ernst. Das ist doch naiv.“

Es wird still. Niemand sagt etwas. Niemand schaut sie an. Dann lacht ihr Vorgesetzter laut und alle anderen lachen mit – wohl notgedrungen. Anna spürt nur noch die Hitze in ihrem Gesicht. Sie ist knallrot. Sie schämt sich und hat das Gefühl, am liebsten unsichtbar zu werden. Sie erzählt mir diese Geschichte und ihr gesamter Körper reagiert.

20 Jahre sind nun vergangen. Dieser Satz ist noch in ihr. Ihr Verstand hatte ihn längst abgelegt. Ihr Nervensystem nicht.

Immer wenn heute Autoritäten im Raum sitzen und kritische Fragen stellen, reagiert ihr Körper noch immer auf diesen einen Moment. Nicht auf den Vorstand. Nicht auf die Gegenwart. Sondern auf eine alte Erfahrung, die tief im emotionalen Gedächtnis gespeichert wurde.

Genau deshalb helfen Erkenntnis, Fachbücher und das nächste Kommunikationstraining manchmal nur begrenzt. Sie sprechen den Verstand an. Emotionale Blockaden entstehen jedoch an einer anderen Stelle. Dort, wo Erfahrungen nicht logisch, sondern gefühlsmäßig abgespeichert werden.

Somit: In diesem Fall ist Körpersprache nicht das Problem.
Sie ist lediglich der sichtbarste Ausdruck einer Geschichte, die unser Inneres noch nicht zu Ende erzählt hat.

Wenn Sie sich selbst in solchen Situationen wiedererkennen, nehmen Sie drei Fragen mit:

  • Wo verliere ich immer wieder meine Souveränität – obwohl ich es besser weiß?
  • Welche Situation erinnert mein Körper vielleicht an eine alte Erfahrung?
  • Löst eine weitere Technik die eigentliche Ursache?

Solche Fragen sollten in einem geschützten Raum besprochen werden. Gefühle in Worte fassen, die Situation zulassen und einen Gesprächspartner an der Seite, dem man vertraut und der den Raum hält.

Wirkliche Souveränität entsteht nicht, wenn wir lernen, Unsicherheit besser zu verstecken.

Sie entsteht, wenn unser Inneres erkennt, dass die Vergangenheit vorbei ist.

Monika Matschnig,
Diplom-Psychologin, Systemischer Coach und sinn- und wertorientierte Begleitung (DGL® Logotherapie)

Monika Matschnig
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