Die Angst vor dem Urteil anderer

Die Angst vor dem Urteil anderer

Der unsichtbare Gegner vieler Führungskräfte

Es gibt ein Gericht, das niemals schließt. Es braucht keine Richter, keine Roben und kein Gesetzbuch. Trotzdem tagt es vor jeder wichtigen Präsentation, jedem Vorstandstermin und jedem kritischen Meeting.

Die Anklage lautet fast immer gleich: „Bin ich gut genug?“, „Was denken die anderen?“

Das Erstaunliche ist: Die Richter sitzen selten im Raum. Meist sitzen sie im eigenen Kopf.

Frau B., Bereichsleiterin eines internationalen Unternehmens, kennt dieses Gericht nur zu gut. Fachlich gehört sie zu den Besten. Doch sobald sie vor größeren Gruppen spricht, beschreibt sie sich selbst als „seltsam unnahbar“.

Ihr Körper erzählt die Geschichte, bevor sie überhaupt den ersten Satz sagt: Die Hand wandert unbewusst zum Hals. Das Lächeln bleibt einen Moment zu lange stehen. Die Oberarme pressen sich an den Oberkörper wie ein improvisierter Schutzschild. Und ihr Blick bleibt immer wieder an der kritischsten Person im Raum hängen.

Nicht mangelnde Kompetenz war ihr Problem. Sondern die Angst, bewertet zu werden.

Die gute Nachricht: Gegen diesen inneren Richter lässt sich trainieren.

In unserer Arbeit haben sich zwei Techniken als besonders wirksam erwiesen. Keine Ursachenforschung. Kein endloses Analysieren der Vergangenheit. Sondern Werkzeuge, die schon beim nächsten Auftritt eingesetzt werden können.

1. Der Blick von außen – Self-Distancing

Die psychologische Forschung nennt diese Methode Self-Distancing. Der Sozialpsychologe Ethan Kross konnte zeigen, dass Menschen belastende Situationen deutlich besser regulieren, wenn sie innerlich einen Schritt zurücktreten und sich selbst aus der Perspektive eines wohlwollenden Beobachters betrachten. Statt zu fragen: „Was brauche ich jetzt?“ lautet die Frage: „Was braucht Frau B. jetzt?“

So schlicht dieser sprachliche Wechsel wirkt – seine Wirkung ist erstaunlich. Menschen reagieren emotional ruhiger, denken klarer und ihr Körper erholt sich schneller von Stress.

Genau das trainierten wir vor wichtigen Terminen. Frau B. stellte sich vor, sie beobachte die Szene vom Rand des Raumes. Dort sieht eine kompetente Kollegin, die ihr Bestes gibt. Mit genau derselben Sachlichkeit und Freundlichkeit, die sie auch einer Mitarbeiterin entgegenbringen würde. Manchmal genügt bereits dieser Schritt, um handlungsfähig zu bleiben.

2. Die Angst einladen – Paradoxe Intention

Die zweite Methode stammt von Viktor Frankl, dem Begründer der Logotherapie.

Seine Idee wirkt zunächst widersinnig: Bekämpfen Sie die Angst nicht. Laden Sie sie ein.

Und zwar mit voller Absicht. Je grotesker, desto besser. Vor jeder Vorstandssitzung dachte Frau B.: „Bitte nur nicht zittern.“

Doch genau dieser Satz machte das Zittern immer wahrscheinlicher. Denn unsere Aufmerksamkeit folgt dem, was wir vermeiden wollen. Also machten wir das Gegenteil. Wir entwickelten gemeinsam einen völlig übertriebenen inneren Monolog: „Heute zittere ich so spektakulär, dass die Kaffeetassen über den Konferenztisch tanzen. Mein Kugelschreiber hebt wie eine Rakete ab, die Wasserflaschen geraten ins Schwingen und die PowerPoint-Folien flattern im Wind meiner Hände wie Fahnen auf einem Berggipfel. Wahrscheinlich ruft gleich noch jemand den Katastrophenschutz. Das Zitter-Monster tobt wie wild.“ Sie musste laut lachen. Genau darin liegt die Kraft der paradoxen Intention. Humor und Angst vertragen sich nicht. Humor schafft Distanz. Aus der scheinbar lebensbedrohlichen Situation wird für einen Moment eine absurde Szene. Hinzu kommt ein psychologischer Effekt: Wer versucht, absichtlich zu zittern, merkt schnell, wie schwierig das ist. Ein echtes Angstzittern lässt sich kaum willentlich erzeugen. Der Körper verweigert den Befehl. Die Angst verliert dadurch ihren wichtigsten Verbündeten: den verzweifelten Versuch, sie unbedingt verhindern zu wollen.

Der eigentliche Richter sitzt in uns

Von diesem Tag an hatte Frau B. zwei Werkzeuge. Die Aufgabe war nicht mehr, angstfrei zu werden. Die Aufgabe war, anders mit der Angst umzugehen. Einige Wochen später sagte sie zu mir: „Ich beobachte mich heute oft von außen – fast wie eine Regisseurin. Und wenn es eng wird, kündige ich innerlich meine Oscar-reife Zitter-Performance an.“ Sie lachte.

Und genau das war der Unterschied. Die Angst war nicht verschwunden. Aber sie saß nicht mehr auf dem Richterstuhl.

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, der Angst nicht länger die Entscheidung darüber zu überlassen, wie wir handeln.

Zum Ausprobieren

Probieren Sie bei Ihrem nächsten wichtigen Termin Folgendes aus:

  • Wechseln Sie für einen Moment bewusst in die Beobachterrolle. Fragen Sie sich: „Was braucht Frau B. oder Herr M. jetzt?“
  • Und wenn sich ein unangenehmes Symptom ankündigt – zittern, rot werden oder ein Blackout –, erlauben Sie ihm innerlich, heute seinen ganz großen Auftritt zu haben. Übertreiben Sie ihn maßlos.

Beides braucht etwas Übung.

Doch oft reicht schon der erste Versuch, damit der innere Richter ein gutes Stück leiser wird.

Monika Matschnig,
Diplom-Psychologin, Systemischer Coach und sinn- und wertorientierte Begleitung (DGL® Logotherapie)

Mehr über Wirkung, die von innen kommt: www.matschnig.com.

Quelle: Kross, E. et al. (2014): Self-talk as a regulatory mechanism: How you do it matters. Journal of Personality and Social Psychology, 106(2), 304–324.

Monika Matschnig
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