
Warum Präsentieren Leistungssport ist
Ich war Leistungssportlerin, bevor ich auf Bühnen stand. Deshalb kenne ich dieses Gefühl: Der Wettkampf ist vorbei. Der Körper fährt herunter. Für einen Moment ist einfach nichts mehr da. Ausgelaugt. Und kurz darauf kommt diese wunderbare Welle: geschafft. Alles gegeben. Es hat sich gelohnt.
Genauso geht es mir nach großen Vorträgen. Wenn ich von der Bühne gehe, bin ich manchmal komplett leer. Ich gebe alles. Schließlich werde ich dafür bezahlt, eine gute Performance abzuliefern. Und ich bin es meinem Publikum schuldig. Doch diese Leere hält nicht lange. Nach etwa 30 Minuten kommt das, weshalb ich diesen Beruf liebe: Ein Satz ist hängen geblieben. Ein Gedanke hat etwas ausgelöst. Ein Gesicht sieht anders aus als noch vor einer Stunde. Das bewegt mich.
In meinen Seminaren höre ich oft: „Präsentieren raubt mir unglaublich viel Energie.“ Fast mit schlechtem Gewissen. Als müsste man nach 60 Minuten locker vom Podium hüpfen und fragen: „So, was machen wir jetzt noch?“ Muss man nicht.
Warum sind wir leer?
Während Sie scheinbar entspannt sprechen, läuft ein zweiter Film: Wie wirke ich? War das verständlich? Wohin mit den Händen? Schaut der Mann in Reihe drei immer so? Und war der Witz gerade lustig – oder nur für mich? Willkommen im Doppel-Monitoring. Sie vermitteln Inhalte und beobachten gleichzeitig sich selbst und Ihr Publikum. Das kostet ordentlich Energie.
Unser Nervensystem hat erstaunlich historische Vorstellungen davon, was gefährlich ist. Viele Augenpaare, die uns anschauen? Verdächtig. Bewertung? Alarmbereitschaft. Adrenalin steigt, Muskeln spannen sich an, Aufmerksamkeit wird gebündelt. Rational wissen Sie: Niemand wird Sie auf der Bühne fressen. Ihr Nervensystem hat diese Information möglicherweise noch nicht vollständig verarbeitet. Diese Spannung 30, 60 oder 90 Minuten zu halten, kostet Kraft. Auch wenn man Ihnen nichts davon ansieht.
Ein Gespräch ist Pingpong. Einer spricht, der andere reagiert. Ein Nicken, ein Lächeln, ein „Aha“. Auf der Bühne spielen Sie manchmal eher Tennis gegen eine Wand. Ihr Gehirn scannt permanent: Resonanz? Zustimmung? Langeweile? Begeisterung? Koma? Dieses ständige Lesen des Publikums ist Arbeit.
Im Alltag stehen, sprechen und gestikulieren wir automatisch. Auf der Bühne wird daraus plötzlich ein Großprojekt: Haltung, Stimme, Blickkontakt, Gestik, Tempo, Pausen – und bei allem bitte natürlich wirken. Das ist, als würde Ihnen beim Autofahren jemand sagen: „Denken Sie jetzt bewusst darüber nach, wie Sie das Lenkrad halten.“ Herzlichen Glückwunsch. Ab diesem Moment fahren Sie schlechter. Je mehr wir kontrollieren, desto mehr Energie verbrauchen wir.
Besonders anstrengend wird es, wenn Innen und Außen auseinanderliegen. Innen: „Hoffentlich geht das gut.“ Außen: „Schön, dass Sie da sind.“ Innen: „Wo ist mein nächster Gedanke?“ Außen: souveräne Pause. Innen: Kernschmelze. Außen: Lächeln.
Sie fühlen, regulieren, denken, sprechen und wirken gleichzeitig. Wer danach müde ist, hat also nicht automatisch etwas falsch gemacht. Vielleicht hat er schlicht viel geleistet.
Ich behandle große Auftritte bis heute wie einen Wettkampf. Ich bereite mich vor. Ich gebe alles. Und danach darf mein System herunterfahren.
Präsentieren ist Leistungssport für Kopf, Körper und Nervensystem.
Und vielleicht ist die kurze Leere danach sogar ein gutes Zeichen. Sie zeigt: Da war jemand nicht nur anwesend. Da hat jemand wirklich etwas gegeben.
Ihre Monika Matschnig,
Expertin für Körpersprache, Wirkung und Performance
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