Alpenglühen

Das Alpenglühen des Lebens

Eine Bergtour der Sinnfindung

Dieses Gleichnis stammt nicht von mir. Es berührte mich und ich möchte euch damit berühren. Ich hörte es in einem Interview von der Psychotherapeutin und klinischen Psychologin Elisabeth Lukas. Sie ist eine der bekanntesten Nachfolgerinnen von Viktor Frankl, dem Gründer der Logotherapie, der sinnzentrierten Psychotherapie.

Unsere Lebensreise gleicht einer anspruchsvollen Bergtour, so beschrieb es Viktor Frankl. In der Jugend beginnen wir unseren mühsamen Aufstieg, bei dem wir gegen die Schwere der Gravitation ankämpfen müssen. Der Weg ist steinig und voller Herausforderungen, plötzliche Stürme und Winde versuchen uns aufzuhalten. Doch wir geben nicht auf, denn wir haben noch so viele Gipfel zu erklimmen. Diese Phase unseres Lebens erfordert Durchhaltevermögen und Entschlossenheit. Und so schafften wir die Schule, Ausbildungen, erkannten unsere Talente, bewältigten den beruflichen Aufstieg und Menschen traten in unser Leben.

In der Mitte unseres Lebens erreichen wir schließlich den Gipfel. Hier finden wir unsere größten Erfolge und erreichen den Höhepunkt unserer Schaffenskraft. Wir gestalten unsere Welt nach unseren Vorstellungen und schaffen (hoffentlich) sinnvolle Werte. Doch selbst auf dem Gipfel erfahren wir Widerstand und müssen uns den Herausforderungen stellen, die das Leben für uns bereithält. Neue Menschen kommen in unser Leben, und es kann eng werden. Wenn es zu beschwerlich wird, bereiten wir uns auf den Abstieg vor, so wie es im Leben geschieht. Wir klimmen an die Spitze der beruflichen Karriere, doch dann rücken die Jüngeren nach. Freunde verlassen uns, die Kinder ziehen aus und vielleicht auch der Partner. Dann müssen wir weichen und uns auf den Abstieg vorbereiten.

Der Abstieg kann jedoch ebenso erfüllend sein wie der Aufstieg. Hier arbeiten wir nicht mehr gegen die Gravitation, sondern mit ihr. Wir können die Schönheit der Natur um uns herum erkennen, das Rauschen der Blätter hören und in netter Gesellschaft von Menschen sein, die wir auf unserem Weg nach oben getroffen haben. Diese Phase unseres Lebens ist von den Erlebnissen geprägt. Wir bereiten uns auf das „Ankommen“ vor, der letzten Lebensphase. Hier haben wir die Chance, noch vieles zu erleben, sei es durch Reisen, das Anpflanzen des Gartens unserer Träume, das Entdecken neuer Kulturen oder das Genießen von Kunst, Musik, Bewegung, Büchern und der Natur.

Auch wenn wir den Boden erreichen, gehen die Erlebnisse nicht verloren, denn wir haben sie tief in unserem Inneren gespeichert. Es ist nie zu spät, das Leben in seiner vollen Pracht zu genießen. Ab dem 55. Lebensjahr sollten wir beginnen, die Früchte unserer Anstrengungen zu ernten und auf all das Gute und Sinnvolle in unserem Leben zurückzublicken.

Beim Rückblick sollte der Fokus auf den Höhepunkten und den Glücksmomenten liegen. Wo haben wir Gipfelerlebnisse erlebt? Wo hat es ein „Alpenglühen“ gegeben? Ähnlich den Dolomiten, bei denen die nackten Felsen über den Gipfeln im Abendrot strahlen. Dies sind die Momente, die uns innerlich wärmen, die uns bewusst machen, dass wir gelebt und geliebt haben, dass wir Hindernissen entkommen sind und dass das Leben ein Geschenk ist. Fragen wir uns: Was ist uns gelungen? Was haben wir als sinnvoll erlebt? Wo haben wir geliebt und wurden geliebt? Wo können wir mit Demut und Güte zurückblicken?

Erst im zweiten Schritt sollten wir auf das nicht Gelungene und die Reue schauen, und auch in die Täler, auf das Dunkle und die versäumten Chancen. Doch auch hier sollten wir uns versöhnen, denn es sind die Höhepunkte, die uns wirklich definieren. Viktor Frankl sagte einst sinngemäß: Eine Bergkette wird nicht nach dem tiefsten Tal, sondern nach der höchsten Bergspitze bemessen. In den Anden gibt es viele 6.000-Meter-Gipfel und im Himalaya 8.000-Meter-Gipfel, und genau diese Gipfel sollen leuchten.

Unsere Reise im Leben geht von schöpferischen Werten zu Erlebniswerten und schließlich zu Einstellungswerten. Ab dem 50. Lebensjahr sollten wir lernen, loszulassen und uns von materiellen Dingen zu entfernen. Wir benötigen weniger, und andere Dinge werden wichtiger. Wir sollten uns von lästigen Gewohnheiten verabschieden und Ehrgeiz entwickeln, um neue Wege zu gehen. Es ist nie zu spät, neue Seiten unseres Lebensbuches zu schreiben.

Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, aber wir können den Blick nach vorne richten und uns fragen, was wir noch erreichen möchten. Das Alpenglühen unseres Lebens wartet darauf, von uns entdeckt zu werden. Schauen Sie zurück, erkennen Sie Ihre Gipfelerlebnisse und lassen Sie sich von ihnen inspirieren, denn sie sind es, die uns wirklich erfüllen und uns auf unserer Lebensreise begleiten.

Übungsaufgabe: Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und reflektieren Sie Ihre eigenen Gipfelerlebnisse im Leben. Wo haben Sie Erfolg gehabt? Welche Momente haben Ihnen Glück und Sinn gegeben? Schreiben Sie diese Erlebnisse auf und denken Sie darüber nach, wie Sie sie in Ihre Zukunft integrieren können. Welche neuen Gipfel möchten Sie noch erklimmen? Teilen Sie gerne Ihre Gedanken in den Kommentaren!

Ihre Monika Matschnig,
Expertin für Körpersprache, Wirkung und Performance

Bild: MarioEppinger / pixabay

Monika Matschnig
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