Don’t change me!?

Don't change me!?

Kann Coaching die Wirkungskompetenz einer Führungskraft wirklich verändern?

„Unser Chef benötigt ein Coaching!“. So die ersten Worte am Beginn einer Telefonkonferenz. „Es gelingt ihm nicht, bei Vorträgen den Spirit unseres Unternehmens und unserer Produkte zu transportieren. Und die Handelsvertreter gähnen schon, wenn er die ersten Worte spricht. Er muss an seiner Wirkung arbeiten!“ Harte Ansage, also vereinbarten wir ein Wirkungs-Coaching und wenige Wochen später kam ich ins Unternehmen. Höflich wurde ich von der Assistentin abgeholt, in das oberste Stockwerk ins Büro des CEOs geführt und wartete. Dann kam er zur Tür hinein und nach einer höflichen Begrüßung setzen wir uns an den Meetingtisch und führten ein längeres Kennenlerngespräch.

Wie üblich nutzte ich die Zeit bereits für meine erste Wirkungsanalyse. Ich war überrascht, denn seine Körpersprache war kongruent zu den Worten, die Stimmmodulation dynamisch, seine Sprache klar und er wirkte freundlich, nahbar und aufmerksam. Wir hatten eine richtig gute Konversation. Es gab jedoch einen Satz, der mich aufhorchen ließ: „Man kann keinen Menschen ändern, und schon gar nicht, wenn er über 50 ist.“ Indirekt sagte er mir damit: „Please don´t change me.“

Ich möchte nicht, dass Sie mich verändern!

Ich erlebe es immer wieder, dass Kunden zu einem Coaching kommen und sagen „Ich möchte nicht, dass Sie mich verändern! Ich bin wie ich bin, und das ist gut so.“ Hier möchte ich klar stellen: Ich kann und möchte niemanden verändern. Alles, was ich in einem Coaching tue, ist, die besonderen Qualitäten meines Gegenübers zu erkennen und das Beste daraus herauszuholen, kurzum: eine positive Wirkungskompetenz zu implementieren, passend zur jeweiligen Person. Und das wollte ich auch in der anfangs geschilderten Situation schaffen. Deshalb: Nächster Schritt und Kamera an!

Nun passierte es: Die Videokamera lief, der CEO stellte sich hinter das Rednerpult und sollte zuerst nur einige Fragen beantworten, doch plötzlich war seine gute Ausstrahlung, die im face-to-face Gespräch noch so präsent war, verschwunden. Die Wirkung drehte sich sogar vollkommen ins Gegenteil. Dieser Mensch hier vor mir war nun hölzern, gehemmt, langweilig, uninteressiert, unsympathisch und kühl, seine Körpersprache paralysiert. Nun verstand ich, warum er bei Vorträgen und Präsentationen nicht wirkungskompetent und authentisch rüberkam: Der CEO hatte sich vor laufender Kamera schlicht und einfach verändert. Meine Aufgabe war es nun, diese aufmerksame, dynamische, freundliche Person wiederzufinden, die er während unseres Gesprächs war.

Es ist ein weit verbreitetes Phänomen, dass sich Menschen in entscheidenden Situationen verändern. Nur wichtig ist: Jeder sollte der bleiben, der ist. Und zwar in seiner besten Form. Jeder Mensch hat seine persönlich Wirkung in sich und keiner kann sie so gut ausspielen wie man selbst. Dafür braucht es einen inneren Kompass, um eine authentische Wirkung und positive Ausstrahlung zu erzeugen. Glauben Sie mir, Charisma ist in jedem von uns vorhanden, man muss es nur hervorholen und wissen, wie man es erfolgreich einsetzt.

Was also empfahl ich nun dem um 180-Grad gedrehten CEO und was können Sie persönlich für sich und Ihre Wirkungskompetenz tun?

Der beste Kommunikator verändert nicht seinen Grundtypus

Bleiben Sie die Person, die in Ihnen ist. Authentizität ist das A und O! Verändern Sie NICHT Ihre Wirkung, egal ob Sie auf einer Bühne stehen, ein Interview geben oder in einem Meeting sind. Vorausgesetzt Sie wirken interessant! Nehmen Sie sich selbst mit der Kamera aufm und sehen Sie sich die Aufzeichnung ohne Ton an. Bewerten Sie sich: Wirken Sie langweilig, okay, interessant, oder sogar positiv unvergesslich? Interessant ist okay, aber alles darunter heißt, Sie sollten an Ihrer Wirkung arbeiten!

Weg mit vorgefertigten Redemanuskripten

Sprechen Sie frei und in einfachen, bildhaften, emotionalen Worten. Ziehen Sie sich aus einer vorgefertigten Rede die Stichwörter heraus und sprechen Sie mithilfe eines Stichwortzettels. Dass Sie sich nicht hinter einem Rednerpult verstecken sollten, versteht sich von selbst. Machen Sie sich „verwundbar“ und zeigen Sie Ihr gesamtes Wesen den Zuhörern. Stehen Sie beispielsweise zu Versprechern. Das macht Sie menschlich und damit sympathisch.

Es ist immer ein Dialog

Die Zuhörer sprechen zwar häufig nicht zurück, aber sie senden Signale und indirekt über die Körpersprache empfangen Sie die Signale der Zuhörer. Lernen Sie, körpersprachliche Signale zu lesen.

Selbstreflexion ist gefragt: Umso höher die Position, desto geringer die Reflexion. Deshalb empfehle ich jeder Führungskraft, sich regelmäßig zu reflektieren, und zwar in allen Bereichen, vor allem auch in Bezug auf ihre Wirkung. Denn die Wirkungskompetenz hat die Sachkompetenz überholt. Nur wenn eine Führungskraft gut wirkt, dann wird sie auch gehört.

Der CEO war ganz erstaunt, als er sich sein Video ohne Ton anschaute. „So wirke ich also auf andere!“, sagte er verblüfft. „Dabei meine ich das doch ganz anders.“ Schnell merkte er, wo es haperte und warum ihm seine Nervosität, die er ohne Kamera nicht an den Tag legte, im Wege stand. Nach einigen weiteren Übungen hatte er seine Wirkungskompetenz bereits deutlich verbessert und es fiel ihm sichtbar leichter, frei und ungehemmt vor der Kamera zu reden.

 

Ihre Monika Matschnig,
Expertin für Körpersprache und Wirkungskompetenz

 

Illustration: Shai_Halud / Shutterstock.com